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Quelle: https://twitter.com/Astro_Alex/
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Der Weltraum umgibt uns immerzu – und doch denken wir nur selten an ihn. Oftmals möchte man sich gar nicht mit den vielen unbeantworteten Fragen auseinandersetzen. Wozu dann noch Menschen in den risikoreichen Orbit schicken und wertvolles Material verschleißen? Die enormen Anstrengungen und Investitionen, die in die Raumfahrt gesteckt werden, rufen zum Teil auch Sorge und Unverständnis hervor. Und selbst wenn es der Branche nicht gänzlich bewusst war: sie hat einen neuen Typus von Weltraum-Botschafter gebraucht.

Wie leicht und unbeschwert ein Weltraum-Botschafter wirken kann, das hat der elfte Deutsche im All, Alexander Gerst, in den letzten sechs Monaten bewiesen. Unter seinem Twitter-Namen @Astro_Alex wurde er während seiner Zeit auf der ISS zu einem Netzphänomen. Über Facebook und Twitter folgen ihm mehr als 300.000 Menschen. Mit ihnen teilt Gerst Eindrücke, Emotionen und tolle Bilder aus dem All.

Auch aus Sicht einer Kommunikationsberatung freut der Erfolg von @Astro_Alex. Durch seine vorbildliche Kommunikation lassen sich spannende Rückschlüsse im Bereich Social Media ziehen. Manche Vermutung und Beobachtung findet im Handeln und Kommunizieren von Alexander Gerst ihre Bestätigung. Die folgenden fünf Punkte sind ganz persönliche Rückschlüsse aus den sechs Monaten dieser spannenden ISS-Mission, die insbesondere in den sozialen Medien viele Menschen begeistert hat:

1. Authentizität: „Sei authentisch!“ Was zumeist einfacher gesagt als getan ist. Auch der Spiegel befasste sich Anfang September mit der Problematik, insbesondere bei Politikern. Das Problem: der Versuch, authentisch zu wirken, bewirkt das genaue Gegenteil. Beim Astronauten-Casting hat sich Gerst gegen rund 8400 Bewerber durchgesetzt. Er befasst sich als Geophysiker mit Dingen, die die Mehrheit wohl nicht einmal versucht zu verstehen. Er flog in 330 km Höhe über uns hinweg, und wirkte doch ziemlich auf dem Boden geblieben. Alexander Gerst beweist, welchen enormen Vorteil eine natürliche Leidenschaft für ein Thema mit sich bringt und wie gut sie beim Publikum ankommt.

2. Kommunikation auf Augenhöhe: Gerst spricht nicht zum Publikum herab, er begegnet uns auf Augenhöhe. In seinen Beiträgen, ob auf Facebook oder auf Twitter, bezieht er ganz weltliche Ereignisse und Erscheinungen mit ein. Ihn überfiel die Lust auf eine Pizza und er freute sich darauf, bald wieder in einem Wald Joggen zu gehen. Gerst setzt seine Erlebnisse in einen Kontext, den jeder Leser verstehen kann. Den „Overview-Effekt“ (nach der Rückkehr sprechen viele Astronauten von einem neuen Verständnis für die Welt) macht er greifbar und verständlich. Gerst verstellt sich nicht, er ist sich treu, und er spricht die Sprache seines Publikums.

3. Dran bleiben: Alexander Gerst meldete sich so gut wie jeden Tag bei seinen Followern und animierte zum „Dranbleiben“. Social Media ist für ihn offenbar nicht nur lästige Pflicht, sondern eine Selbstverständlichkeit, die er nicht als zusätzliche Arbeit, sondern als Teil davon begreift. Gerst beweist, dass die Community ein stetiges Engagement dankt. Mit Followern, Retweets und Aufmerksamkeit.

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https://twitter.com/Astro_Alex/
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4. Bilder: Gersts zum Teil philosophische und tiefgreifende Tweets hätten aller Wahrscheinlichkeit nach ohne die passende Visualisierung nur ein sehr kleines Publikum erreicht. Seine Bilder und Aufnahmen, auch seine Fernsehauftritte, sind nicht nur eindrucksvoll und stark, sie erzeugen auch eine Nähe zum Ereignis. Das Publikum ist in der Lage, die Perspektive von Gerst einzunehmen – wir betrachten die Welt mit seinen Augen. Dies macht seine Social Media-Aktivitäten zu einem einmaligen Ereignis.

5. Mensch sein: Gerst ist und war kein Roboter, sondern ein normaler Mensch, der eine Zeit lang im Weltraum war. Sein Tweet zum Thema des Israel/Hamas-Konflikts  hätte auch politisch diskutiert werden können – er wurde es jedoch nicht. Er sprach aus dem Bauch heraus, subjektiv ja, aber doch nicht wertend. Eine womöglich aufgesetzte, überkorrekte Handhabung des Themas hätte Kontraproduktiv sein können – Gerst kommentierte es einfach, bitter und verständlich als sein „traurigstes Bild“. Jeder verstand und fühlte mit.

@Astro_Alex hat uns den Weltraum ein Stück näher gebracht und neue Einblicke in eine Dimension eröffnet, die den meisten von uns wahrscheinlich nie begegnen wird. Dass ein so anspruchsvolles, technisches Thema, so authentisch und verständlich vermittelt werden kann, zeigt Alexander Gerst und kann Vorbild für viele andere Unternehmen sein.
Hier geht’s direkt zu den Twitter-Accounts von @Astro_Alex, dem @DLR_de und der @esa.

Zum Autor: Robert de Lubomirz-Treter ist Praktikant bei Ketchum Pleon Berlin im Bereich Public Affairs. Sein Studium der Politik, Soziologie und Geschichte an der Universität Bonn beendet er mit dem Bachelor. Sofern es einmal nicht um Politik geht, befinden sich digitale Themen auf seiner Agenda. Auf Twitter findet man ihn unter @rodelub.